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Presseinformation vom 06. September 2005
Psychotherapie-Patienten ohne Beratung
Der psychotherapeutische Bereich ist einer der kompliziertesten
und undurchschaubarsten des Gesundheitswesens. Aber Patienten mit psychischen
Problemen brauchen angeblich keine qualifizierte Fachberatung bei ihrer
Suche nach einer geeigneten Therapie. So sehen es jedenfalls der Bundesverband
der Verbraucherzentralen und der Sozialverband VdK Deutschlands, die aller
Wahrscheinlichkeit nach in Zukunft im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen
bundesweit die Patientenberatung organisieren werden. Nach ihrer Ansicht
reicht es, Patienten mit psychischen Problemen in Zukunft im Rahmen einer
"allgemeinen Patientenberatung" ohne "themenspezifische"
Ausrichtung zu beraten.
Dieser Schritt verkennt nicht nur die hochkomplizierte Lage im Bereich
Psychotherapie und benachteiligt diese sprunghaft anwachsende Patientengruppe
in unzumutbarer Weise, sondern zerschlägt auch bestehende Beratungsstellen,
die in den letzten Jahren eine problemangemessene Betreuung mit großem
Erfolg aufgebaut haben. Das "Informationsbüro für Psychotherapie
und Alternativen" wehrt sich mit einer Protestaktion gegen den Abbau
qualifizierter Verbraucher- und Patientenberatung für den Bereich
Psychotherapie und verlangt deren Erhaltung.
Bonussysteme, Zuzahlungen, freie Kassenwahl - durch die Gesundheitsreformen
geraten Versicherte immer mehr in die Rolle von Kunden. "Ohne unabhängige
und verständliche Gesundheitsinformationen können sie die ihnen
zugedachte Rolle als mündige Patienten jedoch nicht wahrnehmen"
sagt Marion Mohr, Geschäftsführerin des Kölner Informationsbüros
für Psychotherapie und Alternativen. Im Jahr 2000 hat der Gesetzgeber
daher die Spitzenverbände der Krankenkassen verpflichtet, Einrichtungen
der Verbraucher- und Patientenberatung mit jährlich 5,1 Millionen
Euro zu fördern.
30 Modellprojekte aus verschiedenen Bereichen der Gesundheitsversorgung
erhielten bislang Zuwendungen aus diesem Topf, darunter auch das Informationsbüro.
Mit dieser Vielfalt soll nun Schluss sein. Die Spitzenverbände der
Krankenkassen werden die Gelder zwei großen Verbänden übertragen,
die die unabhängige Patientenberatung in Zukunft organisieren sollen.
Schon jetzt zeichnet sich ab: Eine Fachinformationsstelle für Menschen,
die unter psychischen Problemen leiden, wird es in diesem Rahmen nicht
mehr geben. Und das, obwohl die Zahl der psychischen Erkrankungen ständig
wächst.
Psychische Probleme nehmen dramatisch zu - Hilfsangebote gleichermaßen
"Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung sind im Laufe eines
Jahres von psychischen Störungen, wie beispielsweise Angst oder Depression,
betroffen", sagt Marion Mohr. Die Ursachen seien vielfältig,
die Folgen messbar. In ihrem neusten Gesundheitsreport weist die Techniker
Krankenkasse nach, dass die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer
Erkrankungen - trotz allgemein sinkenden Krankenstandes - seit 2000 um
20 Prozent gestiegen ist. Damit stehen psychische Störungen erstmals
an zweiter Stelle der Arbeitsunfähigkeitsursachen, direkt hinter
Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems.
Mit der Zunahme der Erkrankungen wächst nicht nur die Nachfrage,
sondern auch das Angebot an psychologischen Gesundheits-Dienstleistungen.
Für Patienten ohne Fachkenntnisse ist der Psychomarkt in seiner Fülle
aber schon jetzt kaum mehr zu durchschauen. "Wer auf der Suche nach
professioneller Hilfe ist, sieht sich mit 250 unterschiedlichen Verfahren
konfrontiert, die alle vorgeben, seelische Probleme zu lösen",
so Marion Mohr. Oft entschieden sich die Betroffenen daher mehr aus Zufall
für ein Verfahren. Fehlbehandlungen und auch Missbrauch seien die
Folge.
Das "Informationsbüro für Psychotherapie und Alternativen"
Umso wichtiger sind Einrichtungen wie das 1995 gegründete Informationsbüro
für Psychotherapie und Alternativen in Köln. Auf seinen Gesundheitsseiten
im Internet erfahren Ratsuchende alles über Kosten, Nutzen, Vorgehensweise
und Risiken verschiedener Verfahren. Ein Team aus qualifizierten Psychologen
und Pädagogen hilft zudem bei der Suche nach individuell passenden
Angeboten, wie Therapien, Selbsthilfegruppen und vielem mehr.
Damit nicht genug: Ratsuchende werden nicht mit bloßer Information
und ein paar kargen Adresszeilen entlassen, sondern ihre Kompetenz im
Umgang mit Therapeuten wird im vorhinein gestärkt. Es wird ihnen
aber auch Rat und Hilfe während der Therapie, sowie Unterstützung
und Begleitung nach einer misslungenen oder missbräuchlichen Therapie
angeboten.
Das präventive Angebot ist damit vollständig - ergänzt
durch die einzigartige Funktion als Anlaufstelle für Psychotherapiegeschädigte.
Ein integrierter Komplett-Service, der sich sprunghaft wachsender Nachfrage
erfreut: Monatlich rund 11.000 Interessierte besuchen inzwischen die Website,
230 Anfragen von Ratsuchenden aus der ganzen Bundesrepublik werden Monat
für Monat bearbeitet, die meisten per Telefon und Mail. "Die
beeindruckende Steigerung bei der Nachfrage zeigt," so Dr. Jan Leidel,
Leiter des Gesundheitsamts der Stadt Köln, "dass hier nach wie
vor ein großer Bedarf besteht, der anderweitig nicht abgedeckt werden
kann."
"Unser Service ist bundesweit einzigartig", so die Geschäftsführerin.
Zwar bieten Krankenkassen, Ärzte und Berufsverbände Gesundheits-Informationsdienste
an. Diese informieren jedoch nur über Leistungen, die sie selbst
anbieten bzw. finanzieren, m. a. W. sie beschäftigen sich ausschließlich
mit kassenfinanzierter Psychotherapie. Alles, was sich außerhalb
abspielt (und das ist nach Schätzungen mindestens noch mal so viel:
Lebensberatung, Coaching, Training, ganzheitlich-spirituelle Verfahren
und vieles andere mehr), existiert für diese Informationsdienste
nicht - auch wenn die finanziellen Folgen unwirksamer und schädlicher
Therapien letztlich zu Lasten der Krankenkassen gehen. "Wir hingegen
stellen Patientinnen und Patienten das gesamte Informationsspektrum zur
Verfügung - und ermöglichen ihnen so eine eigenverantwortliche,
selbst bestimmte Entscheidung."
Kein Informationsbüro mehr - und keine themenspezifische
Verbraucher- und Patientenberatung für Psychotherapie
Seit 2001 wurde das Informationsbüro von den Spitzenverbänden
der Krankenkassen als Modelleinrichtung der unabhängigen Verbraucher-
und Patientenberatung gefördert. Jetzt aber steht es vor dem Aus.
"Unser Antrag auf Weiterförderung wurde von den beiden Organisationen,
die das Geld zukünftig verteilen, abgelehnt", erklärt Wolfgang
Hippe, Vorstand VESUV. "Die jahrelange erfolgreiche Aufbauarbeit,
die umfangreiche Datenbank, die Beratungskompetenz oder die Webseite,
die mit Versichertengeldern finanziert wurde, wären damit für
die Katz."
Diese Entscheidung trifft nicht nur beim Team des Informationsbüros
auf Unverständnis. "Angesichts der Zunahme psychischer Erkrankungen
ist eine hochwertige themenspezifische Patientenberatung gerade für
den Bereich Psychotherapie notwendiger denn je", sagt Dr. Hermann-Josef
Berk, langjähriger Vorsitzender des BDP-Landesverbandes NRW. "Das
lässt sich nicht nebenbei und mit notdürftig nachgeschulten
Mitarbeitern runterreißen' - das bedarf in vielen Fällen
langjähriger Erfahrung und spezieller Kenntnisse im Umgang mit Psychotherapie-Klienten.
Ein bundesweites Kompetenzzentrum für Psychotherapie im Bereich der
Verbraucher- und Patientenberatung, wie es das Informationsbüro darstellt,
ist unverzichtbar. Es könnte die Mitarbeiter der allgemeinen
Patientenberatung' in einfachen Fragen schulen und würde bei allen
anderen Fragen selber tätig. Was bei der jetzigen Planung raus käme,
ist pure Geld- und Ressourcenverschwendung."
Es widerspricht übrigens auch den "Schlussfolgerungen für
die zweite Projektphase", wie sie Erwin Dehlinger vom AOK-Bundesverband
zusammengefasst hat. Danach gehört zu den Kernaufgaben der Modellverbünde:
der "Aufbau und Betrieb exemplarischer, themenspezifischer und überregionaler
Beratungs- und Informationsangebote".
Protestaktion
Auf diesem Hintergrund wird das Informationsbüro aus Protest seinen
Antrag auch direkt bei den Spitzenverbänden der Krankenkassen einreichen.
Auch wenn das so nicht vorgesehen ist.
Außerdem ruft das "Informationsbüro für Psychotherapie
und Alternativen" zu einer Protestaktion auf: Es fordert alle betroffenen
und interessierten Personen, Einrichtungen und Verbände auf, für
die Erhaltung einer qualifizierten Verbraucher- und Patientenberatung
im Bereich Psychotherapie einzutreten und mit einem Protestbrief gegen
die jetzige Entscheidung zu protestieren.
AutorIn: Heiko Deters - Aktualisiert:
11.12.05
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